„An einem Nachmittag des Jahres 1971 - ich hatte die Schule geschwänzt, war also 30 Meilen per Autostop zu einem Einkaufszentrum an der Fernstraße 95 in Rocky Mount (North Carolina) gefahren und wollte nun zurück Richtung Nord, als eine Rostlaube anhielt und mich aufgabelte: Die Karre war voller junger attraktiver Frauen aus NYC, die grad aus Florida kamen. Kaum war ich drin, war ich auch weg. Denn das da drin im Auto war eine Welt, die ich nur aus Zeitschriften und Filmen kannte. Und was für Geschichten sie erzählten! Von all den Rockstars, mit denen sie rumgemacht hatten und ins Bett gegangen waren. Und dann ihre verrückten Frisuren, diese kurzen und knappen Kunststoffhöschen, diese ausgefransten Shorts, die hautengen Oberteile, die Plateauschuhe - das war das Leben pur. Ich verzog mich nach hinten, eingeklemmt zwischen zwei von ihnen, tolle Mädchen, etwas „älter“ als ich (so achtzehn, neunzehn Jahre), und ich saß da mit offenem Mund wie Kleindoofchen vom Lande, woher ich ja auch war.“ (aus: Richard Kern, New York Girls, Taschen 1997)
Die Galerie Davide Di Maggio präsentiert zum ersten Mal in dieser Stadt den Fotografen Richard Kern (49) aus North Carolina mit einer Einzelausstellung von 40 Arbeiten verschiedenen Formats, die er aus seinem Gesamtwerk extra für Berlin ausgesucht und um eine Reihe bisher unveröffentlichter Bilder ergänzt hat. Der nordamerikanische Künstler - international bekannt sowohl als Fotograf wie als Regisseur von Underground-Filmen und musikalischer Video-Clips - hat eigentlich schon immer im Grenzbereich dieser Genres und ihres jeweils ganz speziellen Publikums gearbeitet: vom eher elitären Ambiente der Kunstgalerie über das der Popkonzerte und Rockstars bis hin zu dem der Liebhaber erotischer und pornografischer Bilder. Kern vereint in seinem Schaffen diese disparaten Elemente, ohne je ganz der einen oder anderen Kategorie zuzugehören. Denn sein artistischer Eingriff verweist immer zugleich auf Affinität und Verfremdung.
Die ersten Fotografien der frühen Achtziger, die er aufnahm, ohne überhaupt einen Blick ins Objektiv zu werfen, spielten eine Art surrealistisches Spiel, ganz und gar dem Gesetz des Zufalls ausgeliefert. Dann wechselte er auf die andere Seite über und verlieh dem Sujet seiner Aufnahmen eine schlechthin zupackende Prägnanz von Lebendigkeit, seitdem das Markenzeichen seines fotografischen Werkes. Dieser Tendenz ordnet sich bei den jüngsten Arbeiten ein bestimmter Zug zum Exhibitionismus und Voyeurismus zu, der den Intentionen der porträtierten Mädchen durchaus nicht widerspricht, sie eher sogar zu stimulieren scheint.
Denn obgleich der Künstler eine präzise Vorstellung vom Szenenaufbau hat, lässt er seinen Models ganze Freiheit, was und wie sie sich vor der Kamera präsentieren möchten, welche geheimen Fantasien sie dabei enthüllen und wie weit sie die Schamgrenze hinausschieben. Keine von ihnen macht das berufsmäßig und es ist, so scheint es, Kerns Anliegen, dass sie selbst es sind, die die Bedingungen des Unternehmens festlegen. Doch in Wirklichkeit ist die sensible Hand des Regisseurs permanent spürbar, er bleibt nicht draußen vor, wenigstens nicht was zwei Gesichtspunkte betrifft. Erstens: Die kompositorische und optische Qualität seiner Aufnahmen ist himmelweit von jeglichem mal schnell improvisierten Heimbastler-Dilettantismus entfernt. Und zweitens: Jede Geste und jeder Blick seiner Models verraten Kerns Auge und Absicht, ohne dass dies jemals einen zwanghaften oder gar theatralischen Charakter annähme.
Haushalt und Alltag ganz allgemein, wann und wo immer sie sich daheim fühlen, bei sich selbst, in einem stimmigen Ambiente - das sind Ort und Zeit für Regie und Kamera, auf entwaffnende Weise die Einfachheit der Erotik auszustellen, die verblüffende Normalität des Reigens der Leidenschaften an der Grenze von Realität und Virtualität, die oft verwischt oder gar verschwindet, auf dass sich das Publikum in einem Zustand der Konfusion wiederfindet, weil ununterscheidbar wird, was nun dem Blick, dem Gefühl, der Fantasie zugehört.
Richard Kern ist 1954 in Roanoke Rapids (North Carolina) geboren. Ende der siebziger Jahre begibt er sich nach New York, wo er im engen Kontakt mit der Underground-Szene seine künstlerische Laufbahn beginnt. Ab 1983 dreht er die ersten Kurzfilme im antikonformistischen Stil des New Yorker Underground und wendet sich seit 1988 mit großer Intensität der Fotografie zu. Verschiedentlich übernimmt er Regieaufträge in der unabhängigen Filmszene und für Video-Clips der Rockmusik.
Neben zahlreichen internationalen Galerien sind als wichtige Ausstellungsorte und -ereignisse zu verzeichnen: ICA (London), Fundación Municipal de Cultura (Gijón), Feature Inc. (New York), The Deep (Tokyo), Kunstverein Ludwigsburg.
Richard Kern lebt und arbeitet in New York.